4. Ich weiß, dass ich es noch nicht wissen muss
- Michele Neuland
- vor 2 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Ronald Heifetz, Veränderung und die Fähigkeit, im Unbekannten handlungsfähig zu werden
Wir sprechen viel über Veränderungsbereitschaft.
Menschen sollen offen für Neues sein. Sie sollen Gewohntes loslassen, neue Kompetenzen erwerben, sich an veränderte Bedingungen anpassen und Transformation aktiv mitgestalten.
Und wenn sie es nicht tun?
Dann sprechen wir schnell von Widerstand.
Ronald Heifetz eröffnet mit seinem Konzept der Adaptive Leadership einen anderen Blick. Er unterscheidet technische Probleme, für die Wissen und Lösungen grundsätzlich vorhanden sind, von adaptiven Herausforderungen. Bei ihnen reichen vorhandene Antworten nicht mehr aus. Menschen müssen lernen, ihre bisherigen Annahmen überprüfen, Verhaltensweisen verändern – und möglicherweise etwas aufgeben, das ihnen bislang wichtig war.
Eine seiner zentralen Beobachtungen lautet: Menschen widersetzen sich häufig nicht der Veränderung selbst. Sie widersetzen sich dem Verlust, den Veränderung für sie bedeutet.
Dieser Gedanke verändert die Frage.
Nicht:
Warum will dieser Mensch sich nicht verändern?
Sondern:
Was müsste dieser Mensch aufgeben, um sich verändern zu können?
Vielleicht beginnt genau dort ein anderes Verständnis von Veränderung.
Verlust ist nicht gleich Verlust
Zwei Menschen können vor derselben Veränderung stehen und vollkommen unterschiedlich auf sie reagieren.
Eine neue Arbeitsweise kann für den einen bedeuten, lieb gewonnene Routinen aufzugeben.
Für eine andere bedeutet sie die Möglichkeit, endlich etwas Neues auszuprobieren.
Eine veränderte Rolle kann für den einen einen Verlust von Status bedeuten.
Für eine andere eröffnet sie neue Freiheiten.
Eine neue Technologie kann meine Arbeit erleichtern – und gleichzeitig genau das Wissen entwerten, aus dem ich über Jahre meine professionelle Identität und Anerkennung bezogen habe.
Der objektive Veränderungsschritt ist derselbe.
Seine Bedeutung ist es nicht.
Deshalb reicht es nicht zu fragen, was ein Mensch verliert.
Wir müssen fragen:
Welche Bedeutung hat das, was er verlieren könnte, für ihn?
Besonders interessant wird diese Frage dort, wo das Bestehende mit
Selbstwirksamkeit verbunden ist.
Ich weiß, was ich tue.
Ich bin darin gut.
Andere erkennen meine Kompetenz an.
Ich kann etwas bewirken.
Eine Veränderung verlangt dann möglicherweise einen schwierigen Tausch:
erlebte Selbstwirksamkeit gegen eine unbekannte Möglichkeit.
Und plötzlich erscheint das Festhalten am Alten gar nicht mehr so irrational.
Was ist bewahrenswert?
Menschen unterscheiden sich darin, wie sie dem Neuen begegnen.
Manche sind so neugierig auf eine unbekannte Möglichkeit, dass ihnen das Loslassen erstaunlich leichtfällt.
Andere sind stärker bewahrend. Sie sehen zunächst, was verloren gehen könnte.
In Change-Prozessen wird diese zweite Haltung schnell problematisiert. Die Neugierigen gelten als offen, die Bewahrenden als widerständig.
Vielleicht ist diese Bewertung zu einfach.
Denn Bewahren kann eine wichtige Form der Wahrnehmung sein.
Der bewahrende Mensch fragt:
Was dürfen wir nicht verlieren?
Der neugierige Mensch fragt:
Was könnte entstehen?
Eine zukunftsfähige Organisation braucht möglicherweise beide Fragen.
Nicht alles Alte muss verschwinden, damit Neues entstehen kann.
Bei evolutionärem Wandel kann Bestehendes Teil des Neuen werden. Fähigkeiten können sich verändern. Erfahrungen können in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Rollen können sich entwickeln.
Das Alte wird nicht einfach ersetzt.
Es verwandelt sich.
Revolutionärer Wandel hat eine andere Qualität. Manchmal verschwinden tatsächlich Rollen, Technologien, Geschäftsmodelle oder Formen der Zusammenarbeit. Dann lässt sich der Verlust nicht wegmoderieren.
Etwas ist vorbei.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht:
Wie überwinden wir Widerstand?
Sondern:
Was wollen wir bewahren, was kann sich verwandeln – und was sind wir bereit loszulassen, damit etwas entstehen kann, das heute noch nicht möglich ist?
Wenn mein Können nicht mehr reicht
An diesem Punkt wird Heifetz' Gedanke für eine komplexe Welt besonders interessant.
Denn manchmal verlieren wir nicht nur Gewohnheiten oder Rollen.
Wir verlieren die Gewissheit, dass unser bisheriges Können ausreicht.
Organisationen antworten darauf häufig mit Kompetenzentwicklung.
Wir identifizieren Future Skills.
Wir entwickeln Kompetenzmodelle.
Wir qualifizieren Menschen für zukünftige Anforderungen.
Das ist sinnvoll.
Und trotzdem steckt darin ein Problem.
Wenn wir tatsächlich von Komplexität sprechen, können wir nicht vollständig wissen, welche Fähigkeiten wir in Zukunft benötigen werden.
Vielleicht kennen wir nicht einmal die Situationen, in denen wir sie benötigen.
Wie sollen wir Menschen vollständig auf eine Zukunft vorbereiten, deren Gestalt wir noch nicht kennen?
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht:
Welche Fähigkeiten brauchen wir für die Zukunft?
Sondern:
Was befähigt uns, in einer unbekannten Situation neue Handlungsfähigkeit entstehen zu lassen?
Lernfähigkeit zweiter Ordnung
Hier beginnt eine andere Qualität von Lernen.
Lernfähigkeit bedeutet zunächst:
Ich erkenne, dass mir etwas fehlt, und kann es lernen.
Ich brauche eine neue Methode.
Eine neue Sprache.
Eine neue Technologie.
Eine andere Form der Kommunikation.
Ich weiß zumindest ungefähr, was ich noch nicht kann.
Komplexe Situationen können uns vor eine schwierigere Aufgabe stellen.
Ich weiß noch nicht einmal, was ich lernen muss.
Es gibt keine eindeutig bestimmbare Kompetenzlücke, weil noch gar nicht klar ist, welche Fähigkeiten die entstehende Situation verlangen wird.
Dann reicht es nicht, schneller zu lernen.
Wir brauchen etwas anderes.
Lernfähigkeit zweiter Ordnung ist die Fähigkeit, in einer unbekannten Situation lernend und gestaltend handlungsfähig zu werden, obwohl noch nicht erkennbar ist, welches Wissen oder welche Fähigkeiten die Situation erfordern wird.
Das ist keine einzelne Kompetenz.
Und vermutlich ist es auch keine stabile persönliche Eigenschaft.
Vorerfahrungen spielen hinein. Mut. Risikobereitschaft. Neugier. Selbstbewusstsein. Ambiguitätstoleranz. Beziehungen. Der soziale und organisationale Rahmen.
Der Rahmen kann diese Lernfähigkeit nicht erzeugen.
Aber er kann sie einladen und zulassen.
Menschen dürfen ausprobieren.
Sie dürfen Nichtwissen zeigen.
Sie dürfen einen Weg beginnen, ohne sein Ergebnis bereits begründen zu können.
Und vielleicht dürfen sie einen der wichtigsten Sätze in komplexen Situationen sagen:
Ich weiß es noch nicht. Aber ich traue mir zu, es herauszufinden.

Der Surfer
Vielleicht lässt sich diese Form von Handlungsfähigkeit mit dem Bild eines Surfers beschreiben.
Ein Surfer kann trainieren.
Er kann Techniken lernen.
Er kann seine Balance verbessern.
Er kann Wellen lesen lernen.
Er kann Erfahrungen sammeln.
Aber er kann die konkrete Welle nicht vorher trainieren.
Genau diese Welle, in genau diesem Moment, mit dieser Bewegung, diesem Wind und dieser Strömung hat es vorher nicht gegeben.
Wenn sie kommt, muss er wahrnehmen und antworten.
Er greift auf sein Können zurück – aber sein Können schreibt ihm nicht vollständig vor, was er tun muss.
Er kann die Welle auch nicht kontrollieren.
Seine Wirksamkeit entsteht in Beziehung zu ihr.
Das ist vielleicht ein gutes Bild für Handlungsfähigkeit in Komplexität.
Wir gestalten nicht unabhängig von der Welt.
Und wir werden nicht nur von ihr bewegt.
Gestaltung entsteht im Dialog zwischen dem, was uns begegnet, und unserer Antwort darauf.
Erfahrung, die nicht veraltet
Der Surfer bringt noch einen weiteren Gedanken ins Spiel.
Fachwissen kann veralten.
Methoden können ihre Wirksamkeit verlieren.
Technologien verändern sich.
Erfahrungen können sogar zum Hindernis werden, wenn wir aus ihnen ableiten:
Das kenne ich. Ich weiß, wie es geht.
Dann wird Erfahrung zum Downloading.
Aber nicht jede Erfahrung altert auf dieselbe Weise.
Es gibt einen Unterschied zwischen:
Erfahrung als Wissen über die Welt
und
Erfahrung als Wissen über mich selbst.
Ich kann aus einer schwierigen Situation die damalige Lösung mitnehmen:
So habe ich es gemacht.
Oder ich kann etwas anderes aus ihr mitnehmen:
Ich wusste damals auch nicht, wie es geht – und ich habe einen Weg gefunden.
Die konkrete Lösung mag Jahre später bedeutungslos sein.
Die Erfahrung der eigenen Handlungsfähigkeit ist es nicht.
Vielleicht liegt genau darin eine Ressource, die in einer Welt hoher Veränderungsgeschwindigkeit sogar an Bedeutung gewinnt.
Ich bin meine eigene Ressource
Erfahrung allein reicht dafür möglicherweise nicht.
Wir müssen sie reflektieren.
Nicht nur:
Was habe ich gelernt?
Sondern:
Was habe ich über mich gelernt, als ich noch nicht wusste, wie es geht?
Was hat mir geholfen?
Wie bin ich mit meinem Nichtwissen umgegangen?
Wann habe ich wieder Möglichkeiten wahrgenommen?
Wo habe ich Mut entwickelt?
Wann habe ich andere einbezogen?
Was hat mich wieder handlungsfähig gemacht?
Dann transferieren wir nicht die Lösung aus einer vergangenen Situation auf eine neue.
Wir transferieren etwas anderes:
das Vertrauen in unsere Fähigkeit, neue Handlungsfähigkeit entwickeln zu können.
Vielleicht ist das eine Form von Selbstwirksamkeit zweiter Ordnung.
Nicht:
Ich weiß, dass ich das kann.
Sondern:
Ich habe Grund, mir zu vertrauen, obwohl ich noch nicht weiß, was ich tun werde.
Selbstwirksamkeit und Demut
Das klingt zunächst nach großem Selbstvertrauen.
Eigentlich ist es beinahe das Gegenteil.
Denn Selbstwirksamkeit zweiter Ordnung bedeutet nicht:
Ich bekomme jede Situation in den Griff.
Sie bedeutet auch nicht:
Ich werde erfolgreich sein.
Der Surfer weiß, dass er fallen kann.
Er weiß, dass das Meer stärker ist als er.
Er weiß, dass er die Welle nicht kontrolliert.
Seine Erfahrung macht ihn deshalb im besten Fall nicht übermütig.
Sie macht ihn demütig.
Er weiß um sein Können.
Und er weiß um dessen Grenzen.
Darin liegt ein bemerkenswertes Paradox:
Je mehr ich erfahre, dass ich auch im Unbekannten handlungsfähig werden kann, desto weniger muss ich behaupten, das Unbekannte bereits zu kennen.
Vielleicht macht gerade tiefes Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit es leichter, Nichtwissen einzugestehen.
Ich muss nicht so tun, als hätte ich die Antwort.
Ich weiß, dass ich sie noch nicht haben muss.
Resilienz: den Zugang zu mir wiederfinden
An diesem Punkt berührt Lernfähigkeit zweiter Ordnung die Resilienz.
Resilienz lässt sich als Fähigkeit verstehen, nach Irritation, Belastung oder dem Verlust von Handlungsfähigkeit wieder Zugang zu eigenen Ressourcen zu finden.
Auch unsere innere Ressource ist nicht unverwundbar.
Erfahrungen können unser Vertrauen erschüttern.
Wir können überfordert werden.
Wir können scheitern.
Soziale Systeme können uns über lange Zeit vermitteln, dass unsere Wahrnehmung nicht zählt oder unser Handeln nichts bewirkt.
Innere Stärke bedeutet deshalb nicht, unerschütterlich zu sein.
Vielleicht bedeutet sie vielmehr:
sich selbst als eine Ressource zu kennen, zu der man wieder Zugang finden kann.
Und manchmal finden wir diesen Zugang nicht allein.
Ich muss meine Welle selbst surfen – aber ich muss nicht allein im Wasser sein
Damit kommt eine weitere Form von Sicherheit ins Spiel.
Soziale Sicherheit.
Wenn ich Menschen um mich habe, auf die ich mich verlassen kann, darf die Umwelt unsicherer werden.
Nicht weil diese Menschen meine Probleme lösen.
Nicht weil sie den Weg kennen.
Nicht weil sie meine Verantwortung übernehmen.
Sondern weil die Beziehung trägt, auch wenn die Situation es nicht tut.
Damit können wir drei unterschiedliche Qualitäten von Sicherheit unterscheiden.
Äußere Sicherheit:Ich kenne die Bedingungen, die Regeln oder den Weg.
Innere Sicherheit:Ich vertraue darauf, dass ich Zugang zu meinen Ressourcen finden und neue Handlungsfähigkeit entwickeln kann.
Soziale Sicherheit:Ich weiß, dass es Beziehungen gibt, auf die ich mich verlassen kann, wenn die Situation schwierig wird.
Gerade die dritte Form zeigt:
Autonomie bedeutet nicht Unabhängigkeit.
Ich kann aus mir heraus handeln, ohne alles aus mir heraus leisten zu müssen.
Der Surfer muss seine Welle selbst nehmen.
Aber er muss nicht allein im Wasser sein.
Vielleicht brauchen wir weniger Gewissheit
Damit verändert sich schließlich die Frage nach Sicherheit in einer komplexen Welt.
Vielleicht lautet sie nicht:
Wie können wir wieder mehr Sicherheit herstellen?
Äußere Sicherheit wird unter Komplexität immer Grenzen haben.
Wir können nicht jede Entwicklung vorhersagen.
Wir können nicht für jede Situation das passende Wissen bereithalten.
Wir können Menschen nicht vollständig auf Zukünfte vorbereiten, deren Gestalt wir noch nicht kennen.
Vielleicht müssen wir deshalb an einer anderen Stelle ansetzen:
Welche Formen von Sicherheit ermöglichen uns, mit äußerer Unsicherheit zu leben und trotzdem gestaltend handlungsfähig zu bleiben?
Dann entsteht eine andere Vermutung:
Je stärker unsere innere und soziale Sicherheit ist, desto weniger äußere Gewissheit brauchen wir, um handlungsfähig zu sein.
Das bedeutet nicht, dass Wissen unwichtig wird.
Es bedeutet nicht, dass Expertise überflüssig wird.
Und es bedeutet schon gar nicht, dass wir uns einfach mutig in jede Unsicherheit werfen sollten.
Es bedeutet etwas Bescheideneres.
Wir müssen nicht für jede Zukunft gerüstet sein.
Vielleicht können wir lernen, darauf zu vertrauen, dass wir auch in unbekannten Zukünften wieder Wahrnehmung, Orientierung, Lernen und Handlungsfähigkeit entwickeln können.
Ich weiß, dass ich es noch nicht wissen muss
Vielleicht liegt genau darin eine andere Vorstellung von Zukunftsfähigkeit.
Nicht möglichst viel über die Zukunft zu wissen.
Nicht jede benötigte Kompetenz schon heute zu besitzen.
Nicht Unsicherheit zu beseitigen.
Sondern die eigene Handlungsfähigkeit weniger abhängig von äußerer Gewissheit zu machen.
Dann kann Erfahrung uns auf paradoxe Weise offener statt geschlossener machen.
Nicht:
Ich habe viel erlebt. Deshalb weiß ich, wie es geht.
Sondern:
Ich habe oft genug erlebt, dass ich nicht wusste, wie es geht – und trotzdem einen Umgang gefunden habe.
Das ist keine Gewissheit über die Welt.
Es ist ein gewachsenes Vertrauen in die eigene Beziehung zur Welt.
Und vielleicht können wir dann einer unbekannten Zukunft mit einem anderen Satz begegnen:
Ich vertraue mir.Ich kann anderen vertrauen.Und deshalb kann ich mich auf etwas einlassen, dem ich noch nicht vertrauen kann.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Formen von Sicherheit, die wir in einer komplexen Welt entwickeln können.
Ich weiß, dass ich es noch nicht wissen muss.




Kommentare